verfasst, am 7. September 2019 von Carolin Pyzalski

Workshop „Die Farbe Blau – Färben mit Indigo“

INDIGO

MOTIVATION

Selbst zur Entstehung dieses Workshops gibt es eine tolle Geschichte. Während meiner Reise durch Vietnam, sind wir in den Berglandschaften im Norden auf die weiten Felder mit Indigopflanzen gestoßen. Und auch die Hände der Einheimischen Frauen mit der türkis-bläulichen Verfärbungen, haben mein persönliches Interesse immer weiter gesteigert. Natürlich habe ich mir auch eine wundervolle Tasche aus dieser Reise in eine andere Kultur mitgebracht und freue mich jedes Mal aufs Neue, wenn meine Skizzenbücher und weißen Lade- und Kopfhörerkabel danach einen bläulichen Stich haben. Das gehört eben dazu, wenn man eine andere Kultur voll und ganz erfahren möchte. In den Steinhütten, die selbst bei Minustemperaturen keine vollständig geschlossenen Wände haben, wird eben nicht so viel Wert auf das Verwenden irgendwelcher Chemikalien gesetzt, um die Farbe langanhaltend haftend zu machen. Eine herrliche Erfahrung.

„SEIN BLAUES WUNDER ERLEBEN“

Mit Indigo zu färben hat nur wenig mit dem zu tun, was wir früher auf Freizeiten „Batiken“ genannt haben. Viel mehr tauchen wir in die Welt der Chemie ein. Um das Indigopigment in unsere Textilfaser zu bekommen, müssen wir eine Küpe aufsetzen.

Also gilt es einen Färbersud herzustellen, indem sich das wasserunlösliche Farbpigment so verändert, dass es von den Textilfasern aufgenommen werden kann. In der Küpe wird das blaue Indigomolekül in die wasserlösliche, gelb-grünliche Leukoverbindung umgewandelt.

Erst wenn das Textil, dann wieder auf die Leine gehängt wird und mit dem Luftsauerstoff interagiert, oxidiert das lösliche Leukoindigo wieder zum ursprünglichen, wasserunlöslichen und BLAUEN Indigopigment, das nun fest in der Faser haftet.

Eine Interpretation ist daher, dass aus dieser Färbetechnik die Redensart komme, man würde sein blaues Wunder erleben.

DIE KÜPE

Die Färbeflüssigkeit nennen wir Küpe, was sich von dem Wort „Gefäß“ oder „Bottich“ ableitet.

Es gibt zwei Hauptbedingungen, um eine funktionierende Küpe herzustellen. Das ist zum einen ein hoher pH-Wert und zum anderen eine Sauerstofffreie Umgebung.

Früher, als uns noch keine Chemikalien so einfach zugänglich waren, wurde oftmals eine Zutat verwendet, die immer und überall herzustellen war. Urin. Dieser wurde erwärmt und unter Sauerstoffabschluss einige Zeit stehen gelassen, wodurch es nun zur Fermentation kam. Enzyme und Bakterien übernehmen die Arbeit der chemischen Umwandlung.

Ein kleiner Exkurs: Aus diesem Feld leitet sich das Sprichwort „blau machen“ ab. Die Blaufärberei nutzte Urin, um ihn in der Sonne gären zu lassen, wobei Alkohol entstand. Je mehr weiteren Alkohol man dazugab, desto mehr Farbstoff konnte gewonnen werden. Den Alkohol direkt in die Küpe zu kippen, wäre allerdings doch etwas schade. Die Lösung: man verwendete einfach den Urin Betrunkener.

Wenn das Textil dann zum Oxidieren aufgehängt wurde, hatten die Färber nicht mehr viel zu tun und erholten sich von der anstrengenden Herstellung des alkoholhaltigen Urins. Und weil dabei das Textil von grün-gelblich zu blau oxidierte, wurde eben blau gemacht.

DIE CHEMIE DES FÄRBENS

Heutzutage nehmen wir lieber etwas Natriumdithionit, um die Reduktion herbeizuführen. Natriumdithionit erhält man in einer Drogerie seiner Wahl als Entfärber getarnt. Auf den Inhaltsstoffen sollte > 30 % reduktive Bleichmittel (Natriumdithionit) stehen.

DER BLAUE FARBSTOFF

Indigopigmente sind in sehr vielen Pflanzen enthalten, es gibt allerdings nur drei, die genug Pigmente enthalten, dass sich das Extrahieren auch lohnt.

Indigofera – Japanese Indigo – Waid

MATERIALVORBEREITUNG

Zum Färben sollten vor allem Naturfasern verwendet werden, die die Farbe gut aufnehmen können. Neue Textilien sollten mindestens einmal gewaschen werden, da beim Weben Kleber oder Ähnliches verwendet wird, um die Produktion zu erleichtern. Diese Appretur oder Veredelung macht das Fixieren der Farbe schwieriger. Also einfach das Textil einmal bei 60°C in der Waschmaschine waschen.

Außerdem kann ein Vorteil sein, das Textil kurz vor dem Färben in Wasser einzuweichen. Dann wird das Farbergebnis einheitlicher. Möchte man gezielt ein ungleichmäßige Färbung, dann das Textil trocken in die Küpe geben. Die Lufttaschen zwischen den Stofflagen und Fasern verhindern die Reduktion des Indigomoleküls und so wird dieses nicht so erfolgreich aufgenommen.

KREATIVPHASE

SHIBORI

Das japanische Wort shiboru bedeutet pressen, drehen, quetschen. In Kombination mit Textilien und der Indigoküpe können wir mit dieser Technik tolle Muster und Formen in unser Textil entstehen lassen.

Unterschieden wird bei dieser Farbreservierungstechnik zwischen Abbinden, Nähen und Klemmen.

Anleitungen hierzu lassen sich in tollen Büchern, die Ihr auch hier im Maker Space mal durchblättern könnt (siehe unten), und auf zahlreichen Websiten finden.

BATIKEN

Viele haben diese Kindheitserinnerung an das selbstgefärbte Tshirt mit buntern Strudeln und Kreisen drauf. „Mein selbst gebatiktes Shirt.“ – Aber eigentlich bedeutet batiken übersetzt „mit Wachs zeichnen„.

Hierzu gibt es extra Batikwachs, das in ein Tjanting-Werkzeug gefüllt wird und einfach über einer Kerze geschmolzen wird. Dann lässt es sich über einen kleinen Zapfhahn kontrolliert ausgießen und somit wundervoll individuelle Muster erzeugen. Wir haben sogar mit einem Lasercutter eine Schablone erstellt, in die wir dann das flüssige Wachs gegossen haben.

FÄRBEN

DIE PIGMENTE

Die Pigmente habe ich einfach online bestellt und dabei auf zwei Dinge geachtet. Erstens sollten die Pigmente echte, natürliche Indigopigmente sein. Und zweitens habe ich mir jeweils das Sicherheitsdatenblatt dazu heruntergeladen, denn die Verkäufer sollten unbedingt darauf hinweisen, die Pigmente nicht einzuatmen und dabei mindestens eine Staubmaske zu tragen und auf eine ausreichende Luftzirkulation zu achten.

Auch preislich gibt es einige Unterschiede. Ich habe nun für 100g Indigopulver zwischen 20 und 45 Euro gezahlt, je nachdem aus welcher Stammpflanze extrahiert wurde.

DIE REZEPTUR

An eine genaue Rezeptur halte ich mich nicht, da ich einfach auf die Küpe eingehe. Auf ca. fünf Liter Wasser gebe ich ca. 20g Indigopulver und 30-40g Natriumdithionit und das Natriumdithionit so variiert, dass eine reduktive Lösung entsteht.

Als erstes wird das Indigopigment in einem extra Glas mit ein wenig Wasser vermengt. Das habe ich mir beim Kakao-mit-Milch-Anmischen abgeschaut. Sonst würde ich in meiner Küpe zu viele unlösliche Pigment-Inseln schwimmen haben.

Dann kommt alles in das bereits auf 55-60°C erhitzte Wasser in einem großen Kochtopf. Beim Umrühren ist nun immer darauf zu achten, dass nicht wieder Sauerstoff untergerührt wird. Die Küpe lasse ich dann noch mindestens 45 Minuten ziehen.

ERSTE FÄRBEPHASE

Auch nun gilt es keinen Sauerstoff in die Küpe zu geben. Die Textilien daher flach und zusammengepresst ins Wasser geben, sodass alles bedeckt ist. Die Färbedauer liegt bei ca. 20 Minuten.

Beim Herausnehmen die Textilien sofort über eine separate Schüssel halten und auswringen, damit durch Tropfen kein Sauerstoff in die Küpe geführt wird. Die Ansammlung kann später wieder zusammen mit etwas Reduktionsmittel zur Küpe zurückgeführt werden, um keine Farbpigmente zu verschwenden.

OXIDATION

Kommt das gefärbte Textil nun in der Luft mit Sauerstoff in Kontakt, verfärbt sich das grünlich-türkise Stück langsam blau. Am besten die Textilien an einer Wäscheleine aufhängen und genügend Lücken lassen, dass überall Luft hinkommt.

Die Textilien sollten maximal 15 Minuten oxidieren und nicht vollständig trocknen, da die Färbung ätzend ist.

WIEDERHOLUNGEN

Um dunklere Farbtöne zu generieren, wiederholt man diese Färbung nun. Als Regel gilt ca. 4 Wiederholungen, um eine die Farbe zu fixieren und ca. 20 für einen tiefen Blauton.

Wichtig ist, die bereits gefärbten Textilien maximal 5 Minuten in der Küpe zu lassen. Ansonsten kann sich die Färbung auch negativieren und das Textil verblasst wieder.

RINSEN UND NEUTRALISIEREN

Um den pH-Wert der Textilien nun zu neutralisieren, muss mindestens 8 mal unter Wasser ausgewaschen werden. Und zu allerletzt in der Waschmaschine ohne Zugabe von Waschmittel bei 60°C gewaschen werden, damit das Textil keine Reizungen mehr auf der Haut hinterlässt.

DIE ERGEBNISSE

Zu guter Letzt bleibt dann noch die große Freude über die Ergebnisse.

WEITERE INFORMATIONEN

BÜCHEREMPFEHLUNG

Alle Bücher könnt Ihr gerne mal hier im Maker Space durchblättern. Kommt vorbei.

  • INDIGO cultivate | dye | create von Kerstin Neumüller und Douglas Luhanko
  • Shibori – Traditionelles Färben neu interpretiert von Christiane Hübner
  • BOTANICAL INKS von Babs Behan

DIE JEANS

NOBELPREIS

Bildquelle:
*  CC BY-NC 3.0 DE - Leon Hellmich
*  INDIGO cultivate | dye | create - Kerstin Neumüller * Douglas Luhanko 
*  © Humboldt-Universität zu Berlin, Universitätsbibliothek 
*  Levi’s® 

Über den Autor

Carolin Pyzalski

Caro. Festangestellt im Maker Space. Quatscht mich einfach mal an, dann helfe ich Euch dabei, eure Projekte zu verwirklichen.

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